Ein Gedankenspiel.
Die Verbreitung des Internet generell und insbesondere in seiner jüngsten Trend-Ausprägung „Social Media“, hat eine disruptive Entwicklung im Bereich der Kommunikation und der Information ausgelöst und nebenbei die Auffassung von geistigem Eigentum verändert. Gleichzeitig ist „Content“ seit langem eines der beliebtesten Buzzwords geworden, wenn es um den Umgang mit Social Media geht. Kein Blogeintrag kommt ohne aus, kein Vortrag will darauf verzichten. Manchmal kommt es dabei sogar zu kryptischen Wortspielen wie im Titel oben zu bestaunen. Widmen wir uns daher hier einmal einer Beleuchtung dieses Themenzusammenhangs:
Content:
Content, oder ganz altmodisch auch „Medieninhalte“, werden benötigt, um die eigenen Online-Präsenzen abwechslungsreich und interessant zu halten, andere zum weiterverlinken zu animieren und nebenbei auch noch durch geschickte Wahl der Begrifflichkeiten und Vererbung des PageRank positive SEO Wirkungen zu erzielen. Die Entwicklung geht dabei seit Längerem (im Gegensatz zu diesem Beitrag) zu immer kleineren, leicht verdaulichen, Inhalte-Häppchen, die gleich von Usern für andere User bereitgestellt werden, wodurch im Long Tail aus der Community alle erdenklichen Nischen bedient werden können. Nebenbei kostet es auch weniger, da die User die Content-Erstellung vor allem aus Selbstdarstellungsgründen vornehmen, in der Regel nichts dafür bekommen und dennoch oftmals eine herausragende Qualität produzieren (wobei die Qualität insgesamt einer Gaußschen Normalverteilung folgen dürfte).
Dies stört vor allem die professionellen Inhalteersteller, die Ihre Erlösmodelle schwinden sehen und etwas beleidigt feststellen müssen, dass Sie an Bedeutung verloren haben (siehe auch jüngst die Diskussion um die journalistische Qualität von Blogs bei Niggemeier oder auch ältere Diskussionen zum Thema ausgelöst durch Frank Schirrmacher).
Geistiges Eigentum:
Hierbei handelt es sich um das „absolute Recht an immateriellen Gütern“, oder – vereinfacht gesagt – um ein etwas aus der Mode gekommenes Konzept, nach welchem dem Urheber einer guten Idee, die öffentliche Anerkennung, sowie ein (zumeist) temopäres Monopol auf die wirtschaftliche Auswertung seiner guten Idee zugestanden wird, welches er alleine wahrnehmen oder an Dritte übertragen kann. Dieser Ansatz, der seine Wurzeln im 18. Jahrhundert hat, hat im Laufe seiner Entwicklung unterschiedliche Ausprägungen in der Rechtsprechung angenommen, so dass er Kohorten von Juristen ernährt, die etwa auf die Bereich Urheberrecht, Patentrecht oder Geschmacksmusterrecht spezialisiert sind. Obwohl die Idee vom geistigen Eigentum sich derzeit geringer Beliebtheit erfreut, macht Sie im Grundsatz durchaus Sinn, da – wieder vereinfacht ausgedrückt – Menschen mit guten Ideen damit motiviert werden, weiterhin gute Ideen zu haben.
Gemäß der Weisheit „die Dosis macht das Gift“ sollte der an sich sehr sinnvolle Grundsatz in seinen Variablen natürlich vernünftig eingestellt sein: Laufzeit des temporären Monopols, Leistungstiefe für eine Schutzfähigkeit, sowie das Verhältnis von Eigeninteresse zu den Allgemeininteressen sind dabei die Stellschrauben, deren Fehl-Justierung dem geistigen Eigentum in der Vergangenheit seinen schlechten Ruf in der Netzgemeinde eingebracht haben (siehe auch damals die interessanten Diskussionen um Telekom und die Farbe Magenta, sowie die Dauerbrenner-Diskussion um den Niedergang der Musikindustrie).
Der klassische Inhalteersteller oder auch „Content Provider“ sieht dabei eigentlich vor, durch Vergabe von Nutzungsrechten an seinem geistigen Eigentum zu einem Erlös zu kommen, was im Zeitalter von Social Media und Crowdsourcing zu einem schwierigen Unterfangen geworden ist, da sich der klassische Content Provider mit dem unerschöpflichen und kostenneutralen Reservoir an User-generierten Contents in den Wettbewerb treten muss.
Social Media:
Knapp gefasst handelt es sich um die Möglichkeit, als User auf Augenhöhe mit anderen Usern zu Medienangeboten im Netz zu interagieren, auf diese zu feedbacken, sowie dadurch selbst vom Content Consumer zum Content Provider zu werden. Außerdem bedeutet Social Media natürlich auch …. <bitte wohlklingende Definition nach Wahl ergänzen>.
Und wie hängt das jetzt alles zusammen, und vor allem was soll dabei der seltsame Titel dieses Artikels?
In der Tat hat das aufkommen von Social Media zunächst dazu geführt, dass die Wichtigkeit von Content gestiegen ist, die vom klassischen Content Provider aber spürbar gesunken ist. Wenn kostenfreier Content in der richtigen Form aggregiert ebenso gut oder sogar besser vermarktet werden kann, als vermeintlich professioneller Content, wozu dann das klassiche Geschäftsmodell am Leben erhalten? Finden sich nicht genug fleißige User, die gratis hochwertige Contents erstellen und dabei alle Nutzungsrechte abtreten?
Und überhaupt: Die neuen kommunikativen Möglichkeiten im Web haben die Frage aufgedrängt, ob der Begriff „geistiges Eigentum“ nicht schon längst überholt ist. Schließlich ist ja gerade das Teilen von Wissen mit anderen die zentrale Errungenschaft des Social Web und nicht das Ausschließen anderer von irgendwelchen Inhalten.
So hat dieser paradiesische Zustand der Wissens- und Inhaltevermehrung zwischenzeitlich vielen Plattformen und Web Präsenzen die Inhaltebeschaffung erleichtert, denn irgendwo gab es immer eine Präsentation, einen Text, einen Tweet oder eine Idee im Netz, den man selbst gut gebrauchen konnte – Hauptsache die eigenen Follower, User und Kontakte werden unterhalten und mit kontinuierlichen Inhalten gefüttert. Und leider hat der eine oder andere bei dieser Form der Inhaltebeschaffung versäumt, darauf hinzuweisen, dass er sich womöglich hier und da mit fremden Federn schmückt – was ja im Microbloggingbereich besonders unauffällig ist.
Schnell stellte sich die Frage, wie sich das Phänomen der Urheberschaft und geistiges Eigentum im Bereich der Blogs und Microblogs verhält, denn auch in Social Media funktioniert Wissensteilung besser, wenn sie auf einer Kultur von Gegenseitigkeit und Anerkennung beruht und nicht auf einseitigem „Anzapfen“ von fremden Informationen zur Eigen-Promotion.
Doch in einem sich selbst regulierenden System – und dass ist das eigentlich Faszinierende im Zusammenhang mit dem Social Web – nivellieren sich Ungleichgewichte von alleine, passen sich Funktionalitäten und Technologien schnell an neue Bedürfnisse an. So kann die äußerst beliebte Nutzung des „Retweets“ (im Gegensatz zum Posten einer Fremden Idee ohne Verweis auf den Urheber) und später dann die Einführung der „Teilen“ Funktion in Facebook im Januar mit etwas Optimismus auch als „kleines Comeback des geistigen Eigentums“ interpretiert werden, indem zumindest die Anerkennung einer Urheberschaft wieder salonfähig wird – und zwar weil sie gewollt wird und als Reinkarnation des guten alten Zitats unabdingbarer Bestandteil der Kulturgeschichte ist. Wie sonst auch sollen Menschen mit Ideen weiterhin motiviert werden, diese Ideen zu kommunizieren, wenn sie Gefahr laufen, von allzu kontaktfreudigen aber dafür zitierfaulen Promotern ausgebootet zu werden? In diesem Sinne könnte tatsächlich mit einem Augenzwinkern behauptet werden:
„Der Retweet ist die Mutter des Content“!

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Mario Grobholz, Manuel Weinelt, rebecca rutschmann, Powercoach Redaktion, Redaktion und anderen erwähnt. Redaktion sagte: RT: @top_10_speakers: RT: @mweinelt: „Der Retweet ist die Mutter des Content“ http://ow.ly/1HFgw by @wunderknaben #socialmedia [...]
liest sich interessant, obwohl ich glaube: Professioneller Content wird immer seine Vermarktungsmöglichkeiten finden, wenn es sein muss im Brand Entertainment
Sehr schön geschrieben
Zu den professionellen Medieninhalten:
Ich denke auch, dass professionelle Medieninhalte immer existieren werden, denn die Menschen wollen ja auch Hochglanz. Aber es wird immer weniger “Hochglanz-Mist” geben, da sich damit irgendwann kein Geld mehr verdienen lässt. Und mit den verbleibenden professionellen Inhalten lässt sich möglicherweise auch schwieriger Geld verdienen und man muss neue Wege der Monetarisierung begehen. Dagegen wehrt sich zum Beispiel die Musik-Industrie vorbildlich dagegen.
Das Medium Internet bringt systembedingte Schöpferische Zerstörung mit sich.
Zu den nicht-so-professionellen Medieninhalten:
Es ist sicher verwerflich, wenn man sich fremder Inhalte bedient, ohne auf den Urheber zu verweisen.
Plagiieren scheint in Mode gekommen zu sein, oder war schon immer in Mode, nur nun ist es viel einfacher zu tun, aber auch einfacher nachzuweisen.
Generelles Copyright auf Gehirnrülpser und sonstige spontanen Social-Media-getriebene Kreativitäsanfälle zu erheben halte ich für übertrieben. Oder sind wir denn schon alle auf “15 Retweets Ruhm” aus?